„Die Erinnerung der Wände“ 2025, in der Galerie A4 in Innsbruck, Arbeiten für das Angerzell Schlössl
Wie nähert man sich der Aufgabe, einem Gebäude in seiner geschichtlichen Gesamtheit und allen darin geschehenen Begebenheiten zu begegnen? Wie wägt man ab, welche Ereignisse der Geschichte in die Arbeiten einfließen sollen?
Diese Fragen tauchten auf anlässlich der Einladung, mich mit dem historisch aufgeladenen Angerzell Schlössl auseinanderzusetzten. Nach einer ausführlichen Begehung des Objekts, war für mich die Antwort darauf, aus einer zutiefst persönlichen Sicht in das Gebäude zu blicken.
Die Begehung fand am 18.3.2024 statt. Karl Gostner führte mich durch das gesamte Angerzell Schlössl, angefangen vom Erdgeschoß bis in den historischen Dachstuhl. Generell nahm ich dabei am ganzen Objekt die Metamorphose in der Zeit wahr. Einige Räumlichkeiten drängten sich mir spürbar körperlich auf.
Schwere Holzdecken waren im 1. Stock teilweise mit grauweißer Farbe übermalt worden, im 2. Stock hingegen blieben sie unberührt. Eingezogene Wände durchtrennen die Holztäfelung der Decken im 1. und 2. Stockwerk radikal. Schwere Balken im Dachgeschoß nehmen auf, verlagern und verteilen das Gewicht der darunter abgehängten mächtigen Holzdecke. Das Dunkle und vor allem die tiefen Täfelungen der Holzdecke im 2. Stock (Wohnung Dr. jur. Johann Michael von Schmaus, von 1649 – 1651 Besitzer des Schlössls, Präsident der Tiroler Kammer, Haupt der Verschwörung gegen Kanzler Biener) sind erstaunlich drückend und schwer. Mein körperliches Empfinden in diesem Raum konzentrierte sich auf ein Ziehen im linken Arm, das schließlich bis in den Herzbereich wanderte – die Decke schien leicht zu pulsieren. Zugleich musste ich an ein Herz denken, das die Decke repräsentieren könnte. Das Bild „Herz“ versucht nun dieser Raum-Erinnerung nachzuspüren.
Die Dachräumlichkeiten auf zwei Ebenen sind mit schweren historischen Türen gesichert. Der historische Dachstuhl krönt das Gebäude in Form eines Schiffsrumpfes. Karl Gostner öffnete hier eine Außentür, die den Blick auf die umliegenden Gebäude ermöglichte. Licht strahlte in den Dachstuhl und das „In der Öffnung im Licht Stehen von Karl“ inspirierte mich sehr. Das Oberste im Haus, kopfgleich und der jetzige Besitzer am selben Ort, gaben mir die Antwort: Das Hier wirkt in diesem Moment mit all dem Vorangegangenen das in den Mauern ruht. Was machen wir, die wir jetzt leben daraus? Das Bild „Haupt“ stieg in mir auf. Nach intensivem Reflektieren entschloss ich, an dem Platz, im Zwischenraum von Herz und Haupt, mich selbst als Künstlerin mit meinem Licht, stellvertretend für „das kreative Wirken“ innerhalb der gegenwärtigen Geschichte, zu platzieren. Es stellt mich beim Transformieren der Informationen durch meinen Körper dar und kann als meine persönliche Energieform für die zukünftige Geschichte des Hauses gesehen werden. Beim Hinein- und Nachspüren verbanden sich tiefgehende Erfahrungen aus dem Unbewussten mit der aktuellen und zukunftsorientierten Erscheinung, in der es für mich keine realistische Formgebung gibt – sie besteht hauptsächlich aus einem erspürenden Körper, der ständig mit seinem umgebenden Leben bewusst verbunden ist. Synchronitäten und katathym imaginierte Bilder zeigten und beschrieben mir korrespondierende Energien, die sich in das Bild „durch mich durch“ eingeschrieben haben.
Begleitend zu den großformatigen Malereien entstanden Tuschezeichnungen, die der Geschichte von Kanzler Biener und Dr. Schmaus Erinnerung geben. Die Zeichnung „lichten“ hebt den Schleier des Vergessens an, um den Blick auf die Gegenwart mit all ihren lichtvollen Möglichkeiten freizugeben. Schlussendlich nahm ich das ganze Gebäude als lebenden Organismus samt seinem darin stattfindenden und stattgefundenen pulsierenden Leben in der Zeit wahr (Zeichnung „Gestell“), dessen Erinnerungen in den Wänden abgespeichert sind und erahnbar bleiben – für mich eine andere Art des Körpergedächtnisses innerhalb der Zeit.
Licht in Dunkelheit bringen, Geschichte erhellen, Gefühle wahrnehmen, sich von ihnen durchwandern lassen – all das wirksam für Kommendes in Form bringen, ist eine mögliche Beschreibung, die die Ausstellung in wenigen Worten skizziert.
Susanne Liner, Mai 2025
