Dem Zustand einen Ausdruck geben
Zur Ausstellungseröffnung SUSANNE LINER. ENDE SEIN_IM GROSSEN RAUM DAZWISCHEN
Lisa Noggler-Gürtler
Susanne Liner interessieren Fragen zum Mensch-Sein brennend. Das ist sichtbar, das ist spürbar – ihre akribische Beschäftigung, ihr innerer Dialog findet in ihren Bildern eine intensive, manchmal schonungslos dringliche Ausdrucksform. Sie „versteht ihren Bildwerdungsprozess als ein Fragenstellen und den Pinsel als eine Art Zauberstab, der ihr diesen innerlichen Dialog ermöglicht.“[1]
Die meisten der Werke im beeindruckenden Ambiente des riesigen, mittelalterlichen Dachgestühls der Pfarrkirche Mariahilf in Schwaz beschäftigen sich mit Metamorphosen, mit Verwandlungen von einem Zustand zu einem anderen, von einer Existenz zu einer weiteren, von einer Wahrnehmungsmöglichkeit in eine neue, von einer Zeit zu einer nächsten, von einem Raum zu einem anderen…
Verwandlungen in andere Existenzzustände beobachten wir staunend – man denke etwa an die Verpuppung einer Raupe gefolgt vom Erscheinen eines Schmetterlings. Andere begreifen wir kaum, weil sie mit menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar sind, gleichwohl aber im Wissenschaftsdiskurs definiert, erfasst und errechnet werden. Susanne Liner führen ihre Fragen zur Verwandlung zunächst zu einer ausdauernden und umfassenden Beschäftigung mit wissenschaftlichen Forschungen – zur Quantenphysik, zu Kosmologie und Astronomie. Ihre Erkenntnisse daraus fließen in das Werden dieser Bilder.
Die Frage hinter ihren Werken ist eine zutiefst menschliche – woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist vorher, was nachher – wo endet das Leben oder geht es weiter? Letztlich: was fällt uns zum Tod ein?
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein meinte, der Tod gehöre nicht zum Leben. „Den meisten Menschen zufolge irrt Wittgenstein – oder behält nur im allerkrudesten Sinne recht“, meint etwa der britische Ethnologe Nigel Barley in seinen umfassenden Forschungen zum Tod – oder vielmehr zu dem, wie die Lebenden damit umgehen. Er beschreibt anhand unzähliger weltweit zusammengetragener Beispiele die an Turbulenzen und Spannungen reiche Beziehung zwischen Tod und Leben.[2]
Uns Menschen scheint von allen anderen Lebewesen das Wissen um unseren Tod zu unterscheiden. Mehr noch – der Tod ist die einzige Sicherheit im Leben. Und dennoch „erleben“ wir den eigenen Tod nicht, er bleibt ein Mysterium. Deshalb faszinieren Nahtod-Erfahrungen, Verwandlungen, Metamorphosen. „Der Mensch bleibt das todesbestimmte Tier – das einzige.“[3]
Das Gedenken an Verstorbene hält die Erinnerung wach – und verhindert das Vergessen – eine Vorstellung, die sich häufig finden lässt: Menschen „sterben“ erst endgültig, wenn sie vergessen werden. Das Wachhalten der Erinnerung manifestiert sich in Ritualen, Totenkulten, Ahnengedenken, Mythen und Fantasien. Sie muten manchmal todernst, dann wieder verblüffend skurril an und reichen von der abgeschlossenen Lebensversicherung bis zur alljährlichen Totenparty.
Die Frage nach dem „Unfassbaren“ aber bleibt. Nach dem: Was ist dann? Wohin geht das Lebendige? Wohin das Sinnliche?
Historisch gesehen herrschte in unseren Breiten lange Zeit die Vorstellung, dass sich Körper und Geist, Körper und Seele nicht voneinander trennen lassen und daher die Körperbestattung die einzige Möglichkeit sei, ein anderes Leben – vorzugsweise im Paradies – zu beginnen. Bestattungsriten verraten, wie sich eine Gesellschaft das „Danach“ vorstellt. Ein körperliches Weiterleben? Mitnichten – heute ziehen sich die Trauernden auf die Seele, den Geist zurück, der den Glauben an einen neuen Seinszustand nach dem Tod erleichtert. Wir – mit der biologischen Zersetzung – Vertrauten geben den toten Körper, nachdem wir ihn zeitlebens akribisch gepflegt und verjüngt haben, auf. Er wird nicht nur in der Bibel zu Staub, sondern auch biologisch betrachtet. Oder doch nicht?
Liners Werke motivieren dazu, sich mit dem körperlichen Zustand auseinander zu setzen. Sie beschäftigen sich damit, ob das Körperliche nicht ebenso wie das Geistige in einen anderen Seinszustand wechseln könnte, einen, den wir nur erahnen, aber nicht fassen können.
Die Toraja im Hochland der Insel Sulawesi im östlichen Indonesien erleben den Tod nicht als einmaliges Ereignis, sondern als stufenweisen sozialen Prozess. Die Begräbnisse sind durch aufwändige Rituale geprägt, Totenfeiern können mitunter ein paar Wochen dauern, sie sind laut und mitten in der Gemeinschaft verankert. Für Toraja ist das physikalische Lebensende nicht dasselbe wie der Tod. Tatsächlich ist ein Mitglied der Gesellschaft nur wirklich tot, wenn sich ein Familienclan darauf einigt – und wenn die notwendigen Ressourcen aufgebracht sind, um eine dem Status der verstorbenen Person „angemessene“ Begräbnisfeier abzuhalten. Bis dorthin – und das kann Jahre dauern – wird die Person als „krank“ oder „schlafend“ bezeichnet. Sie wird mit Lösungsmitteln behandelt, konserviert und mumifiziert, bleibt Familienmitglied, mit dem gesprochen, das gewaschen und symbolisch gefüttert wird. Das Familienmitglied befindet sich „im Übergang“. Die Toraja erfassen sozial und drücken kulturell aus, was viele Menschen überall als wahr erleben: dass Beziehungen zu Menschen nicht mit einem medizinisch festgestellten Tod beendet werden, sondern sich wandeln und dazu Zeit benötigt wird. Und sie drücken aus, dass die benötigte Zeit auch am Materiellen hängt: am Körper. Sein Wandel, sein Verfall muss aufgehalten werden, bis der soziale Verlust des Lebendigen, des Geistes, der Seele verarbeitet werden kann. Der Körper darf sich nicht gleich transformieren – sonst ist der Tod besiegelt. Sie halten am Körperlichen fest – gleichsam um dem Geistigen ein Gefäß des Übergangs zu bieten.
Dem chinesischen Philosophen Laotse wird das hinreißende Zitat zugeschrieben: „Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“
Die Annahme, dass Geist und Körper zwei verschiedene Manifestierungen unseres Seins sind, macht es unserer „cleanen“, aufgeräumten Gesellschaft möglich, das Körperliche von sich zu weisen. Aber es braucht bei Metamorphosen die Körperlichkeit. Wenn sich der Schmetterling als zartes Wesen, das sich aus einer völlig anderen Form durch eine Verpuppung entfaltet, ist das eine körperliche Metamorphose. Warum nicht auch eine körperliche Metamorphose des Menschen in andere Sphären – die wir eben noch nicht kennen?
Die Werke von Susanne Liner schaffen eine Einheit. Sie tragen den sinnlichen Körper aber auch den Geist, die Seele in einer gemeinsamen Metamorphose weiter, sie beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Transformation in Neuartiges. Liners Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften ermöglicht es, die Verwandlungen unseres Lebens auszudrücken. Dem sich zersetzenden Körper setzt sie eine leichte, flüssige, transluzide und trotzdem organische, blasenartige Materie gegenüber, fleischliche Körper transformieren in pflanzliche Organismen, fluoreszierende Linien weisen auf die zeitliche und räumliche Verschiebung des Körperlichen. Im großen Raum des Dachgestühls der Pfarrkirche Mariahilf, zwischen Oben und Unten konstruiert, berühren die Arbeiten wie mögliche Entwicklungsformen in einem Kokon. Sie scheinen für diesen „Zwischenraum“ gemacht zu sein – Kraftakte, die eine philosophische Frage gepaart mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Kunst übersetzen.
Lisa Noggler-Gürtler, Oktober 2021
[1] Bianca Moser: Ein großes Blubb. Einzelne Gedanken im großen Ganzen. In: Karin Pernegger. Kunstraum Innsbruck: Susanne Kircher-Liner, Innsbruck 2017, S.58f.
[2] Nigel Barley: Dancing on the Grave. Encounters with Death, London 1995, S. 10.
[3] So der britische Sozialphilosoph John Gray in einem Interview „Humanismus ist ein Aberglaube“, Der Spiegel 9/2010, S. 140.
